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  • Trotz fruchtbarer Ergebnisse muss das gegenseitige Verstehen gefördert werden

    Stand:26.10.2017

    Jiang Feng war stellvertretender Generaldirektor für Internationale Zusammenarbeit im chinesischen Bildungsministerium, Gesandter-Botschaftsrat der Bildungsabteilung der chinesischen Botschaft in Deutschland und Mitinitiator der zahlreichen Großprojekte rund um die deutsch-chinesische Bildungskooperation. Jetzt leitet er als Senatsvorsitzender die Shanghai International Studies University (SISU), eine renommierte multidisziplinäre und internationale Universität in China. Während der 19. Parteitag der KP Chinas anläuft, blickt er als Augenzeuge auf die letzten fünf Jahre der deutsch-chinesischen Kooperation im Bildungssektor zurück.

    Jiang Feng, Senatsvorsitzender der Shanghai International Studies University

    China.org.cn: Herr Dr. Jiang, Sie waren als langjähriger Bildungspolitiker spezialisiert in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik und haben den internationalen Bildungsaustausch und –kooperationen vorangetrieben, insbesondere in Bezug auf die chinesisch-deutsche Bildungskooperation. Welche Elemente sind aus Ihrer Sicht entscheidend für eine enge chinesisch-deutsche Bildungskooperation?

    Jiang Feng: Zunächst ist die enge chinesisch-deutsche Bildungskooperation dem engen Vertrauen der politischen Führungen beider Länder zu verdanken. Die bilaterale Bildungskooperation einschließlich des Jugendaustauschs genießt steigende Aufmerksamkeit der Staatsspitzen beider Länder. IIm März 2014 empfingen der chinesische Staatspräsident Xi Jinping und der damalige Bundespräsident Joachim Gauck gemeinsam Schüler aus beiden Ländern in Berlin, als Xi Deutschland einen Staatsbesuch abstattete. Xi traf sich dort auch mit Sinologen, Vertretern der Konfuzius-Institute und Sinologiestudierenden zu einer Diskussionsrunde über den sprachlichen und kulturellen Austausch, während Peng Liyuan, Ehegattin von Xi, dem Chinesischunterricht an einem Gymnasium in Essen beiwohnte. Im Juli 2017 besuchte Staatspräsident Xi gemeinsam mit Bundeskanzlerin Merkel ein Freundschaftsspiel zwischen deutschen und chinesischen Fußball-Jugendmannschaften. Als Angela Merkel 2014 in China war, lud Premierminister Li Keqiang sie zum Treffen mit fast 100 deutschen und chinesischen Jugendlichen im Himmelstempel in Beijing ein, die sich über ihre Erfahrungen beim Erlernen der jeweils anderen Sprache austauschten.

    In den letzten Jahren wurden im Rahmen des Jahres der chinesischen Kultur, des deutsch-chinesischen Sprachenjahres und des deutsch-chinesischen Jahres für Schüler- und Jugendaustausch eine Reihe von Veranstaltungen organisiert, die den chinesisch-deutschen Sprach- und Kulturaustausch wesentlich befördert haben. Mittlerweile gibt es in Deutschland insgesamt 19 Konfuzius-Institute und 3 Konfuzius-Klassenzimmer. An fast 400 Schulen wird Chinesischunterricht angeboten. Knapp 200 deutsche Schüler nehmen jährlich am „Chinese Bridge“-Sommercamp teil. Auf der deutschen Seite gibt es Projekte wie PASCH (Schulen: Partner der Zukunft), die vom Auswärtigen Amt Deutschlands initiiert worden sind. Die Mitwirkung des Goethe-Instituts und der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen hat dazu beigetragen, das Interesse der jungen Chinesen an der deutschen Sprache und Kultur zu wecken.

    Insofern gibt es eine ganz deutliche Entwicklung: In der Vergangenheit fand die Bildungskooperation vor allem auf der Regierungsebene statt, doch in den letzten fünf Jahren sind immer mehr Projekte direkt in der Gesellschaft entstanden. Bildungseinrichtungen, darunter Universitäten und Schulen sowie Unternehmen, nehmen aktiv daran teil. Vor allem im Bereich der Berufsausbildung kooperieren immer mehr chinesische Unternehmen direkt mit deutschen Einrichtungen und entsenden ihre Mitarbeiter zu Fortbildungen oder laden deutsche Experten nach China ein. Die deutsch-chinesische Bildungskooperation wächst außerdem stetig in der Breite. Während frühere Projekte vor allem in den Metropolen wie Beijing und Shanghai angesiedelt waren, weiten sie sich jetzt schrittweise auch auf andere Städte aus.

    Sie sprachen bereits Berufsausbildung sowie Sprach- und Jugendaustausch an. Bekanntermaßen hat in den letzten Jahren auch die Zahl deutscher Studierender an chinesischen Hochschulen zugenommen. Wie beurteilen Sie diese neue Entwicklung?

    China ist nach den USA zum zweitwichtigsten Zielland für deutsche Studierende geworden. Von 2012 bis 2016 stieg deren Zahl von 6271 auf 8145. Dafür gibt es etliche Gründe:

    Erstens sind beide Länder wichtige Kooperationspartner in vielerlei Hinsicht. Ganz egal, ob es um wirtschaftliche Zusammenarbeit, politischen Austausch oder das Thema „Global Governance“ geht, besteht ein breiter Konsens.

    Zweitens wird China an sich zunehmend attraktiver für deutsche Studierende. Das zeigt sich vor allem in den Bereichen Kultur und Wirtschaft. Der Grund, sich für ein Studium in China zu entscheiden, liegt zum einen in ihrem Interesse an der chinesischen Kultur, und zum anderen darin, dass das starke Wirtschaftswachstum in China für sie gute Zukunftschancen bereithält.

    Drittens ist die Qualität der chinesischen Hochschulbildung in den letzten Jahren beträchtlich angestiegen. Die deutschen Studierenden wissen diese Qualität zu schätzen, schließlich möchte man etwas lernen, was einen auch weiterbringen kann.

    Dazu aber noch ein ganz wichtiger Punkt: beide Regierungen haben sich sehr dafür engagiert, sowohl politisch als auch finanziell. Auf der chinesischen Seite hat der China Scholarship Council ein umfangreiches Stipendienprogramm für ausländische Studierende geschaffen, zu dem das Projekt China Window für europäische Studierende gehört. Auf der deutschen Seite hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vor zwei Jahren eine China-Strategie veröffentlicht, um die Zusammenarbeit mit China in Forschung, Wissenschaft und Bildung zu intensivieren sowie mehr Chinakompetenz zu schaffen. Die Deutschen haben erkannt, dass China eine wichtige Rolle für die deutsche Zukunft spielt. Es werden dringend Chinakenner benötigt, aber derzeit besteht noch ein großer Mangel an solchen Experten. Konkret heißt das, dass viele deutsche Einrichtungen Stipendien für diejenigen anbieten, die in China studieren möchten. Darunter der DAAD, die Studienstiftung des deutschen Volkes und zahlreiche private Stiftungen, beispielsweise die Haniel-Stiftung. All diese Einrichtungen haben Projekte, um Studierende beim Studium in China finanziell zu unterstützen und den interuniversitären Austausch zwischen Deutschland und China zu fördern.

    Mir ist auch aufgefallen, dass unter chinesischen Studierenden die Begeisterung für ein Studium in Deutschland stetig wächst. Die deutschen Statistiken zeigen, dass im Jahr 2015 in Deutschland 34.643 chinesische Studierende eingeschrieben waren. Damit ist China zum wichtigsten Herkunftsland ausländischer Studierender in Deutschland geworden. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

    Zunächst müssen wir zugeben, dass die Lehre an deutschen Universitäten eine gewisse Qualität hat. Zudem haben die Chinesen häufig ein sehr positives Bild von Deutschland. Der dritte Grund ist die derzeitige positive Umgebung für Auslandsstudenten, die durch die Entwicklung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen entstanden ist. Viertens fallen an deutschen Universitäten keine Studiengebühren oder nur geringe Verwaltungskosten an. Das ist natürlich sehr attraktiv. Aber wir sehen auch, dass man in Deutschland Studiengebühren für ausländische Studierende einführen möchte, z.B. in Baden-Württemberg.

    Sie haben einmal den Begriff internationale Vermarktungsfähigkeit erwähnt, die anziehend auf ausländische Studierende wirkt. Was sagen Sie dazu, wie Deutschland ausländische Talente anzieht und bindet? Was tut sich da in China Neues?

    Deutschland hat bis jetzt keine oder niedrige Studiengebühren und trotzdem eine Fülle an Projekten. Dahinter steckt der Einsatz der Regierung. Das bringt durchaus politische Vorteile, aber auch wirtschaftliche und kulturelle. Die Bundesregierung sah es als einen großen Verlust an, dass viele herausragende junge Menschen in den USA studieren und nicht in Deutschland. Deshalb hat sie zu einer Menge an Maßnahmen gegriffen, um solche Studierende, vor allem aus Ländern, die für Deutschland von strategischer Bedeutung sind, anzuziehen und zu Freunden Deutschlands auszubilden. Einerseits ist das eine Kombination aus diplomatischer, wirtschaftlicher und kultureller Strategie, andererseits aber auch Bevölkerungspolitik. Deutschland braucht nicht nur mehr Menschen, sondern vor allem mehr Fachkräfte. Durch die Anwerbung von Studenten aus dem Ausland bietet sich die Chance, dass diese später in Deutschland bleiben und dort arbeiten. Dies wirkt sich positiv auf die Bevölkerungsstruktur aus und leistet einen Beitrag zur Verringerung des Fachkräftemangels.

    Auf chinesischer Seite hoffen wir natürlich auch, dass junge tüchtige Menschen aus dem Ausland in China bleiben und sich hier weiterentwickeln. Neben den Stipendien hat sich die Zahl der Aufenthaltsgenehmigungen für ausländische Studierende, die hier in China ein erfolgreiches Studium absolviert haben, deutlich erhöht. Die Arbeitgeber haben jetzt sehr viel Spielraum. Inzwischen können herausragende ausländische Studierende nach dem Bachelor-Studium in China bleiben und arbeiten. Vor fünf Jahren war davon gar keine Rede, selbst ein Praktikum war nicht einfach. Das ist die positive Entwicklung. Wir wollen, dass ausländische Studierende nach ihren erfolgreichen Abschlüssen in China einen Beitrag zur internationalen Zusammenarbeit Chinas leisten können. Viele große Städte in China haben attraktive Regelungen für ausländische Fachkräfte eingeführt, auch wenn es bei der konkreten Umsetzung in den einzelnen Städten natürlich mehr oder weniger Unterschiede gibt.

    Können Sie uns einige Erfahrungen nennen, wie Ihre Universität ausländische Studierende anzieht?

    Wir achten bei der Anwerbung ausländischer Studierender in erster Linie auf die Gestaltung der Studiengänge. Ein guter Studiengang ist die Garantie für eine hohe Qualität der Bildung und Ausbildung und die Voraussetzung dafür, attraktiv für ausländische Studierende zu werden. An der SISU suchen wir zudem aktiv nach Praktikumschancen für unsere ausländischen Studierenden, um sie stärker mit der regionalen, nationalen und internationalen Wirtschaft zu vernetzen.

    Darüber hinaus richten wir gerade eine internationale akademische Gemeinschaft ein, welche ausländische Studierende auf den Gebieten Studium, Forschung und Alltag vollständig in die Universität integriert, so dass diese nicht mehr gesondert behandelt werden. Sie können bei uns Vorträge über Kultur und Gebräuche ihrer Heimat halten. Sie können auch an Forschungsprojekten teilnehmen. Das entspricht dem Ziel der SISU, eine Fremdsprachenuniversität auf Weltniveau zu errichten, die sich nationales, regionales und globales Wissen auf die Fahnen geschrieben hat. Wenn Muttersprachler an Länderstudien teilnehmen, bringen sie unterschiedliche Sichtweisen mit. Für unsere Forschungsarbeit ist das von großem Nutzen. Solche Beispiele sind in der Praxis keineswegs eine Seltenheit.

    In den letzten fünf Jahren wurden in der deutsch-chinesischen Bildungskooperation viele Erfolge erzielt. Was denken Sie, welche Probleme die beiden Länder zukünftig noch zu lösen haben?

    Die Kooperation im Bildungssektor müssen wir immer noch zuerst von der Bildung selbst her verstehen. Ich denke, eine dringende Aufgabe ist es, das gegenseitige Verstehen zu fördern.

    Inzwischen sind die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und China sehr eng, aber Deutschland hat gegenüber der chinesischen Entwicklung noch einige Vorbehalte, die möglicherweise auf Missverständnissen und Vorurteilen beruhen. Gerade vor Kurzem hat der deutsche Vizekanzler und Außenminister Sigmar Gabriel sogar behauptet, China wolle Europa spalten. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Wenn wir spürbare „Kontaktdefizite“ im Austausch zwischen den Ländern wahrnehmen, dann muss die Bildung die Aufgabe übernehmen, das gegenseitige Verständnis zu fördern.

    Von deutscher Seite gibt es jetzt viele Austausch-Aktivitäten, die im Grunde auch gut sind. Wir nehmen daran auch teil, aber man muss darauf achten, ob diese Aktivitäten zu politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Zwecken dienen. Wenn wir einen wirklichen Austausch erreichen wollen, dann muss man das richtig planen, sonst ist der Informationstransfer eine Einbahnstraße. Wenn es zum Beispiel um die Seidenstraßeninitiative geht, denken einige Deutsche, dass sie für China dazu dient, die Überkapazität im Inland zu kompensieren und den Weltmarkt zu übernehmen. Solche Missverständnisse sind häufig und vielleicht gar nicht böse gemeint, aber wir brauchen Gegenthesen, um darauf zu reagieren. Da besteht noch ein gewisser Erklärungsbedarf.

    Als Pädagoge hoffe ich, dass wir die Studierenden anleiten können, das Problem ganzheitlich und mit einem kritischen Geist zu betrachten. Deutschland ist natürlich ein einflussreiches Land, dessen Verwaltung, Kultur und Wirtschaft einzigartig sind, dennoch gibt es an vielen Stellen auch Verbesserungsbedarf. Wir brauchen einen guten Plan, müssen im gemeinsamen Austausch die Dinge hinterfragen und Aussagen auf Basis von Fakten treffen. Nur, wenn wir die Schüler und Studierenden zum gemeinsamen Austausch und ganzheitlicher Erfahrung anleiten, entsteht ein tatsächlicher Nutzen für ihren Entwicklungsprozess. Deshalb glaube ich, einer der Gründe, dass Staatspräsident Xi seinen Blick auf den Jugendaustausch zwischen beiden Ländern gerichtet hat, liegt darin, ein wirkliches Verständnis zu fördern.

    Damit kommen wir zum Ende, vielen Dank für das Interview.

    *Das Interview wurde auf Chinesisch geführt und redaktionell bearbeitet.


    Quelle: german.china.org.cn, 26.10.2017

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